Kinder in der Küche (1) – Bedenken & Bedürfnisse

Kinder gehören in die Küche. Davon bin ich überzeugt. Schon Babys und Kleinkinder profitieren von der Zeit und den Erlebnissen in diesem Bereich des Familienalltags. Diese Erfahrung sollte allerdings niemals mit Zwang oder Druck erfolgen. Wenn das Kind in die Küche möchte, wenn es zuschauen und mithelfen will, dann sollte ich es darin unterstützen. Zeigt das Kind keinerlei Interesse an den Vorgängen und beschäftigt sich lieber mit anderen Dingen während Mama oder Papa in der Küche steht, sollte dies akzeptiert werden.

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Ich erlebe häufig, dass Kinder, gerade die Kleinkinder, eher als Störfaktor oder Hindernis in der Küche betrachtet werden. Die Kinder machen zu viel Unordnung, und räumen hinterher nicht auf. Die Zubereitung der Mahlzeit geht langsamer voran. Die Kinder lenken ab, und schon ist das Essen verbrannt. Das erforschen der Lebensmittel führt mitunter dazu, dass diese nur noch verworfen werden können. Es wird nebenbei viel genascht, beim gemeinsamen Essen wird dann wenig oder gar nichts mehr verputzt.

Auch Sorgen und Ängste sind oft ein Thema. In der Küche kann dem Kind so viel passieren. Was, wenn es den Topf mit kochendem Wasser vom Herd zieht? Sich das Messer schnappt und damit verletzt? Vom Stuhl, Treppchen oder der Arbeitsplatte fällt? Oder es rutscht aus, weil etwas auf dem Boden verschüttet wurde. In einem unbeobachteten Moment steckt es sich vielleicht etwas in den Mund und erstickt schlimmstenfalls.

Ihr seht, die Bedenken, die ich höre sind zahlreich und nicht abzustreiten. Es ist allerdings sehr schade, wenn diese Sichtweise dazu führt, dass Kinder regelrecht aus der Küche ausgesperrt werden. Diese Bedenken können aber auch zu einem entspannterem miteinander in der Küche führen. Wenn ich sie als Herausforderung betrachte, als Ausgangspunkt für Anpassung und Verbesserung.

Die Umgebung lässt sich relativ einfach kindersicher gestalten. Herdschutzgitter, Schranktür- und Steckdosensicherung, Lernturm und kindgerechtes Werkzeug bieten Sicherheit und lassen auch die Eltern entspannter werden. Kinder sollten natürlich, bis zu einem geeignetem Alter, niemals alleine in der Küche gelassen werden. Ein wachsames, erfahrenes Auge sollte stets bei ihnen sein.

Was häufig ein größeres Hindernis ist, sind unsere Erwartungen und Vorstellung in Bezug auf Kinder in der Küche. Oben habe ich einige der gängigen Meinungen aufgezählt, ich picke mir mal „Kinder machen Unordnung und räumen auch nicht auf“ raus, um daran zu zeigen, wie damit praktisch verfahren werden kann.

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Zu allererst: ja, ich stimme dem ersten Teil zu. Kinder bringen Unordnung mit sich. Nicht um uns zu ärgern, zu provozieren oder zu sehen, wie weit sie gehen können. Kinder erforschen und erkunden. Auf ihre ganz eigene Art und Weise, diese kollidiert häufig mit unseren Vorstellungen von Ordnung bzw. nimmt keine Rücksicht auf von uns geschaffene Systeme. Mir hat diese Erkenntnis viel Ruhe für die gemeinsame Zeit in der Küche geschenkt. Ich muss nicht wie ein Wachhund daneben stehen und jeden Schritt meines Kindes kommentieren und korrigieren. Ich muss nicht ständig eingreifen und etwas verbessern. Die Unordnung ist natürlich, ein Teil des Prozesses, gehört einfach dazu. Ich muss die Ordnung nicht jede Sekunde aufrechterhalten, bewahren oder verteidigen.

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Jeder hat allerdings seine Grenze. Dinge, die einfach nicht hinnehmbar sind. Sei es, dass Lebensmittel auf dem Boden landen oder dass eine Lieblingstasse zerschlagen wird. Dann darf und muss dem Kind diese Grenze, mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen, erklärt werden. Wir sollten uns vorher Gedanken machen: Wo sind meine persönlichen Grenzen in der Küche? Was stört mich einfach, weil „man“ das so nicht macht und was berührt mich wirklich? Warum tue ich mich mit dem, was das Kind hier veranstaltet schwer? Welche Bedürfnisse habe ich in dieser Situation, welche das Kind?

Gerade das Thema der Bedürfnisse bietet großes Potential Lösungen zu finden. Ich bleibe beim Beispiel Lebensmittel auf den Boden werfen.  Die ersten Schritte sind: kurz zurücktreten, durchatmen und das Kind beobachten. Warum wirft es das Essen runter? Passiert es aus Versehen, während es einer anderen Tätigkeit nachgeht, vielleicht weil es die Arme stark hin und her bewegt? Lässt es das Stück Gurke fallen nachdem es einmal hinein gebissen hat und nimmt sich dann ein neues? Dreht es die Hand so, dass das Stück runter fällt und beobachtet es im Flug? All das sind verschiedene Ausgangssituationen, verschieden Bedürfnisse, die das Kind sich erfüllt. Habe ich das erkannt, kann ich ruhig und bestimmt handeln.

Ich räume die Lebensmittel weg, die die Bewegung des Kinder bei seiner eigentlichen Tätigkeit stören. Ich kann es auch darauf hinweisen und darum bitten, dass es selber die Dinge forträumt, die stören. Natürlich muss das Kind dafür schon eine gewisse Reife besitzen.

Ich zeige dem Kind, dass es angebissene oder nicht mehr benötigte Stücke in die Schale zurücklegt. Oder zumindest auf die Arbeitsplatte. Ich kann auch nur ein einzelnes Stück für das Kind zum probieren liegen lassen und die restlichen Stücke nach und nach anbieten, wenn tatsächlich gegessen wird.

Ich biete dem Kind etwas zum fallen lassen an, dass nicht dabei zerstört wird. Zum Beispiel Löffel. Oder ich hole kleine Bälle, Holzringe, Duplosteine. Möchte ich nicht, dass überhaupt etwas in der Küche geworfen wird, quartiere ich diese Tätigkeit aus dem Raum aus. In den Flur, von wo ich beobachtet werden kann oder ich bitte den Mann mit dem Kind in seinem Zimmer weiter zu machen. Alternativ kann ich auch immer eine andere Tätigkeit anbieten und abwarten, ob das Kind sich darauf einlässt.

An dem Beispiel seht ihr, hoffentlich, dass es möglich ist, die Bedürfnisse aller beteiligten zu erfüllen. Ich muss mich nicht mehr über die Gurke auf dem Boden ärgern, das Kind kann sich weiterhin freudig beschäftigen. Diese Vorgehensweise erfordert allerdings Geduld, Wiederholung und Ruhe. Ist also erst mal gefühlt umständlich.

Aber, was wäre die Alternative? Das Kind wütend anfauchen, ihm alles aus der Hand zu reißen und dann wutschnaubend vor die Küchentür zu setzen? Keine schöne Erfahrung, für niemanden. Auch das stille Hinnehmen, das verdrängen der eigenen Bedürfnisse führt zum innerlichen wütend werden. Diese angestaute Wut entlädt sich irgendwann, völlig unpassend oder auch an einer anderen Person. Es geht nicht darum, den Kindern ihren Willen zu lassen. Es geht darum eine Lösung zu finden, die ein gemeinsames tun in der Küche fördert. Nicht mehr und nicht weniger.

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Das Thema mit dem Aufräumen ist eine Sache für sich. Die Unwilligkeit der Kinder wird hartnäckig beschworen. Ich sehe das anders. Kinder wollen helfen, sie wollen aus sich heraus nützliches tun und sie wollen die Gemeinschaft stärken. Gemeinschaft ensteht über Austausch (verbale und non- verbale Kommunikation) und gemeinsames erleben oder tun. Wenn ich mir das verdeutlichen kann, habe ich die Schlüssel für ein entspanntes miteinander, auch beim Aufräumen, in der Hand.

Konkret sind zwei Maßnahmen notwendig: Vorleben, dazu gehört auch zeigen und kommunizieren, und das Aufräumen als Teil der Tätigkeit integrieren. Hört sich einfach an? Ist es im Grunde auch. Und lässt sich auf andere Situationen, wie Kinderzimmer aufräumen, übertragen.

Mit Vorleben meine ich, dass unsere Kinder die Gelegenheit haben müssen die Tätigkeit des Aufräumens zu beobachten. Sprich, ich räume auf, wenn das Kind dabei und wach ist. Verlege ich Aufgaben wie putzen, spülen, Wäsche waschen und so weiter in die Schlafens- oder Betreuungszeit des Kindes lernt es diese nicht kennen. Ist das Kinderzimmer auf magische Weise morgens in schönster Ordnung, obwohl es beim schlafen gehen noch ein Chaos war, nimmt das Kind diesen Zustand als gegeben hin. Von Klein auf sollten die Kinder, entsprechend ihrer Fähigkeiten, eingebunden werden. Mit einem Lappen verschüttetes Wasser aufnehmen, Papier zum Müll bringen, Bücher zurück ins Regal stellen, den Handfeger holen sind zum Beispiel Aufgaben, die schon junge Kleinkinder gut bewältigen können. Dabei zeige ich dem Kind kurz und langsam wie diese Dinge zu bewerkstelligen sind. Es braucht keine ellenlangen Erklärungen. Ein einfaches: „Ich schmeiße das in den Müll.“ oder „Ich fege die Krümel zusammen.“ reicht völlig aus.

Wenn ein Kind der Aufforderung zum Aufräumen nicht nachkommt, dann vielleicht weil es einfach keine Vorstellung davon hat, was damit gemeint ist. Dann heißt es erstmal vorleben. Auch die Kommunikation kann einer Kooperation im Wege stehen. Allgemeine Aussagen wie : „Wir räumen jetzt auf.“ können zu unklar sein. Einfacher ist es für die Kinder, wenn es eine gut überschaubare Aufgabe gibt, etwa „Bring das in den Müll.“ oder „Hol bitte einen Lappen.“. Ich sollte auch den Wortschatz des Kindes berücksichtigen. Eventuell hat es einfach noch nicht verinnerlicht was der Mülleimer, der Lappen oder der Löffel ist.

Das Aufräumen als selbstverständlich zu etablieren erleichtert die Aufgabe für alle. Wenn etwas geschnitten wurde bringe ich die Reste zum Mülleimer. Wird etwas verschüttet wische ich es auf. Schmutziges Geschirr bringe ich in die Küche oder räume es direkt in die Spülmaschine. Es ist keine Extra- Tätigkeit, die ich, womöglich noch mit stöhnen oder einem Augenrollen, in Angriff nehme. Sondern sie beendet meine eigentliche Aufgabe, zum Beispiel das Schneiden des Gemüses. Diese Sichtweise müssen wir uns (meist) erst selber aneignen, und danach handeln. Kinder können sich dann daran orientieren.

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Ein Gedanke zum Schluß: das Kind wird nicht jedes Mal aufräumen oder begeistert in der Küche werkeln. Dafür hat es zig verschiedene Gründe. Es versteht die Aufgabe nicht, ist in eine andere Tätigkeit vertieft oder möchte sich kurz zurück ziehen. Das muss ich akzeptieren.

Zwang hilft hier überhaupt nicht weiter. Damit erreiche ich bestenfalls, dass das Kind die Aufgabe aus Angst vor mir (Strafe, Liebesentzug, schlechtes Gewissen machen) erledigt oder sich dieser Aufgabe in Zukunft komplett verweigert, aufgrund der negativen Erfahrungen. Ich halte auch nicht viel von Belohnungen oder ähnlichen Systemen. Ich wünsche mir, dass mein Kind aufräumt, kocht oder hilft weil es Freude daran hat. Weil es sieht, dass diese Tätigkeit jetzt nötig ist und etwas positives für alle bewirkt. Weil diese Aufgaben zu unsrem Alltag gehören und weil sie selbstverständlich sind.

Kinder in der Küche können eine wundervolle Erfahrung sein und dazu beitragen miteinander, als Familie, zu wachsen. Dazu braucht es sinnvolle und deutliche Anleitung unsererseits und, noch wichtiger, Vertrauen in die Fähigkeit der Kinder.

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